25.05.2011: Selbsterfahrung mit der Finsternis; In: Oberösterreichisches Volksblatt
Die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ entführt Sehende in die Welt der Blinden
von Michaela Ecklbauer
Sehende haben keine Vorstellung davon, was es heißt, blind zu sein. Einen kleinen Einblick in die Welt im völligen Dunkeln können sie jedoch in der Dauerausstellung „Dialog im Dunkeln“ im Wiener Schottenstift gewinnen. Der Selbsttest war mehr als beeindruckend.
Plötzlich ausgeliefert und orientierungslos
Nur mit einem Blindenstock ausgerüstet werde ich von der Instruktorin in ein Labyrinth der Dunkelheit geleitet. Dort erwartet mich ein mir unbekannter Guide. Die Augen haben sich überraschend schnell an die Finsternis gewöhnt, doch jetzt bin ich meinem Guide Reinhard völlig ausgeliefert und absolut orientierungslos. Ich versuche, so gut es geht, seiner Stimme zu folgen, um den auf 800 m² angelegten Parcours wohlbehalten zu überstehen. Der Boden unter den Füßen fühlt sich weich an, die logische Schlussfolgerung: Ich gehe behutsam über eine Wiese. An der Parkbank, an der ich mich niederlassen soll, laufe ich aber gleich einmal blindlings vorbei. Es bereitet mir erste Mühen, mit den Händen die Bank, die da irgendwo stehen soll, zu ertasten. Nach geraumer Weile habe ich ein Plätzchen gefunden und mein erstes Glückserlebnis. Weiter geht es über eine Holzbrücke in ein Gebiet, das sich nach einiger Zeit durch das Rauschen des Wassers und der Tropfen, die ich auf der Haut spüre, als Schlucht erweist. Unerwartet tappe ich auf eine Hängebrücke, die ordentlich ins Schwanken gerät, als sie mein Hintermann betritt. Automatisch schreie ich auf und die Schuldzuweisung, sich doch ruhig zu verhalten, folgt sogleich. Mit leicht schlotternden Knien bewältige ich die Brücke und lande auf Kiesboden. Nicht zum ersten Mal taste ich mit dem Blindenstock den Boden ab und habe das Gefühl, dass es hier nirgendwo weitergeht. Nur die Stimme des Guides verrät letztlich die Richtung. Das Vogelgezwitscher wird von Straßenlärm abgelöst und für mich ist klar, dass ich jetzt in den Stadtbereich eingedrungen bin. Die unterschiedlichen Töne an der Ampel für Rot und Grün sind vertraut, dennoch schlurfe ich zu vorsichtig über die Straße. Ein wenig schneller wäre angesichts der vielen Autos, die schon auf ihre Weiterfahrt harren, sinnvoll gewesen, meint Reinhard. Er macht mich mit einem klassischen Rasselgeräusch darauf aufmerksam, dass ich direkt auf einen Postkasten zusteuere. Mit den Händen kann ich das Hindernis aber rechtzeitig orten und ihm ausweichen. Weiter geht es in ein Geschäft, wo ich die unterschiedlichsten Waren ertaste. Jedes Mal eine Freude, wenn ich einen Gegenstand erkannt habe. Nur mit dem Alarmsignal beim Ausgang habe ich nicht gerechnet. Ein kleiner Scherz meines Guides, schließlich habe ich ja nichts mitgehen lassen. Als Kontrastprogramm finde ich mich wenig später auf einem afrikanischen Markt wieder. Der Boden ist uneben, die Standln und Waren fühlen sich gänzlich anders an. Am bekanntesten ist noch die Musik, die hier fremdländisches Flair vermittelt.
Ein seltsames Rohr steht im Weg
Weiter im Parcours komme ich vor einem seltsamen Rohr zu stehen und weiß mir absolut keinen Reim darauf zu machen. Auch das Vogelgezwitscher passt nicht wirklich ins Konzept. Erst als nach einer Weile der Pfeifton einer Lokomotive durch die Dunkelheit halt, erkenne ich, dass ich an einem Bahnschranken gescheitert bin. Bei der nächsten Aufgabe, über einen Holzstamm zu balancieren, setzt sich meine Sturheit fast durch. Ich weigere mich, bis mir Reinhard die Hand gibt und mich sicher darüber geleitet. Als nächstes größeres Hindernis entpuppt sich ein VW, dessen Motorhaube — wäre er tatsächlich im Straßenverkehr im Einsatz — ich mit meinen Händen fein säuberlich geputzt hätte, um daran vorbeizukommen. Auf der langen Leitung stehe ich auch, als ich mich in eine Nische — ein vermeintlicher Kastenwagen, tatsächlich aber eine Telefonzelle — begebe. Weiter im Parcours wundere ich mich, wo mich mein Guide, der eben noch neben mir gestanden ist, überholt haben muss, weil seine Stimme nun von ganz woanders herkommt. Kein Wunder bewegt er sich doch schon sein Leben lang in der Dunkelheit und läuft die Ausstellung Stimme direkt zu seinen — im Normalfall acht Schützlingen — dringt.
Jede kleine Bodenunebenheit von nur wenigen Zentimetern entlockt mir einen kleinen Aufschrei — ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, wenn mir plötzlich der Boden unter den Füßen abhanden kommt. Und jetzt wird es spannend, ich hantle mich an einem Geländer entlang, das sich labyrinthartig biegt. Ich habe keine Idee, wo ich landen werde, bis mir Reinhard sagt, dass ich in ein Boot steigen und zusehen soll, dass ich noch rasch einen Sitzplatz ergattere, bevor die Fahrt losgeht. Gesagt, getan. Umgehend habe ich das Gefühl, mit dem Motorboot auf dem Wörthersee von Pörtschach nach Velden zu fahren. Das Motorengeräusch, die Gischt und die kleinen Tropfen — hätte ich einen Begleiter mitgehabt, wäre es bestimmt romantisch geworden. Zum Ausklang geht es nach diesem Highlight in die Bar. Dort kann ich mit einigen vom Team über die Ausstellung reflektieren. Beschäftigt bin ich aber auch damit, mein Himbeerkracherl im Dunkeln zunächst ins Glas und dann in den Mund und nicht daneben zu befördern.
„Dialog im Dunkeln“: Das Konzept
„Dialog im Dunkeln“ ist eine Ausstellung, bei der es nichts zu sehen, aber viel zu erleben gibt (siehe Hauptartikel). Die Idee ist simpel: Blinde und Sehende tauschen für eine Stunde die Rollen. In kleinen Gruppen von maximal acht Personen lotsen blinde Guides die Besucher durch die lichtlose Installation. Zwei Effekte stehen dabei im Vordergrund: Zum einem müssen sich die Besucher auf ihre nichtvisuellen Sinne verlassen, zum anderen bekommen sie einen kleinen Einblick, wie es Blinden im Alltag ergeht.
Die Idee stammt aus Deutschland
Das Konzept wurde vor beinahe zwanzig Jahren von Andreas Heinecke in Deutschland entwickelt. Fixe Ausstellungselemente müssen ein Naturbereich, eine Stadt und eine Bar sein. Der Rest kann individuell gestaltet werden. Vier Unternehmer — zwei davon sind blind — haben die Lizenz für die Ausstellung im Wiener Schottenstift gekauft und nach 15-monatiger Vorbereitung im Herbst 2009 die Pforten geöffnet. Der Parcours ist völlig ungefährlich, es gibt viele Fluchtwege und die Möglichkeit im Notfall ein Licht einzuschalten. Geschäftsführer Helmut Schachinger und der Oberösterreicher Reinhard Marth sowie ihre sehenden Kolleginnen Eva Kriechbaum und Mirjana Ostojic sind Gesellschafter der Sensesation Ausstellungs GmbH. Die beiden blinden Gesellschafter brachten bereits jahrelange Erfahrung mit der Ausstellungsphilosophie mit und steckten rund 350.000 Euro Privatvermögen in den Aufbau des 800-m²-Parcours. Heute sind beim „Dialog im Dunkeln“ in Wien 21 Personen beschäftigt. Elf haben eine körperliche Beeinträchtigung, im kommenden Jahr laufen die speziellen Personalförderungen für das Social-Franchise-Unternehmen aus. „Wenn wir keinen Sponsor auftreiben, werden unsere Ressourcen entsprechend knapper“, schildert Reinhard Marth im VOLKSBLATT- Gespräch. Bis zu 240 Besucher — der jüngste war drei Jahre alt, der älteste 98 Jahre — kommen täglich in die Ausstellung.
Reaktionen von Besuchern
Daniel aus Wien: „Eine so horizonterweiternde Führung durch den Alltag hatte ich bisher noch nicht.“
Lisa: „Ich war echt beeindruckt, wie gut ihr diese Welt der Blinden nachgemacht habt. Durch diesen Ausflug hat sich meine Einstellung verändert.“
Maria aus Wels: „Wir sind schwer beeindruckt von dem unvergesslichen Erlebnis, das ihr uns heute ermöglicht habt.“
Lisa und Andi aus Kremsmünster: „Wir werden die Ausstellung unseren Freunden empfehlen und bald wieder kommen.“
Informationen zum „Dialog im Dunkeln“
„Dialog im Dunkeln“, Schottenstift, 1010 Wien, Freyung 6
In Kleingruppen werden Sehende von blinden oder sehbeeinträchtigten Guides durch Alltagssituationen in völliger Dunkelheit geführt.
Öffnungszeiten: Di - Fr 9 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 19 Uhr und So 13 bis 19 Uhr. Reservierung unter Tel. 01/8906060 erforderlich.
Internet: www.imdunkeln.at
Eintritt: 16 Euro Erwachsene,
14 Euro Studenten, Senioren und Menschen mit Behinderung,
12 Euro Schüler und Lehrlinge,
Tarife für Schulklassen und Familien.
Die Führung wird in Deutsch, Englisch, Türkisch, Kroatisch, Ungarisch, Französisch und Italienisch angeboten. Auch Rollstuhlfahrer oder Hörbeeinträchtigte können die Ausstellung besuchen.
Zusatzangebote: Workshops für Schüler bzw. Firmen und 4-Gang- Menü im Dunkeln.
Hier finden Sie den Originalartikel: Neues Volksblatt [PDF: 131 KB]